Ein bedeutendes Gasthaus wird zum Elektrohaus

verfasst von Johann Peter Franzreb - 2010

An der heute vollständig umgebauten Ecke Sonnengasse/Lammberg war früher eine der ältesten und wohl auch bekanntesten Ehinger Gastwirtschaften, der „Goldene Hirsch“, angesiedelt. Es gab ihn schon vor dem Dreißigjährigen Krieg.

Der große Stadtbrand von 1749 zerstörte wesentliche Teile des „Hirsch“. Sie wurden jedoch zügig wieder aufgebaut und beherbergten eine Zeit lang auch Teile der Schwäbisch-Österreichischen Landstände.

Die in wirtschaftlicher Hinsicht vielleicht wichtigste Zeit des „Goldenen Hirsch“ begann im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts, also etwa mit dem Übergang Ehingens an Württemberg. Beispielhaft genannt sei für diese Zeit der Hirschwirt Gottfried Linder, der Vater des Ehinger Postmeisters Felix Linder. Er war es, der vermutlich um 1830 den großen Hirschsaal baute und der als Tanzsaal für Veranstaltungen bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg genutzt wurde. Gottfried Linder war auf dem „Hirsch“ erfolgreich, sein Nachfolger war es nicht mehr. Schwierige Familienverhältnisse führten zu hohen Erbforderungen. 1868 musste er, hoch verschuldet, den „Hirsch“ verkaufen.

Gasthaus Goldener Hirsch 1930

Der „Hirsch“ in den 1930er Jahren

Käufer war Johann Nepomuk Steinle. Damit beginnt 1869 die Ära Steinle, die bis in unsere Zeit währte. Johann Nepomuk Steinle baute in den folgenden Jahren vor allem die Nebengebäude des „Hirsch“ mehrmals um. Dabei wurde zumindest noch unter ihm eigenes Bier gebraut, denn 1878 baute er eine neue Doppel-Malzdarre ein.

Als Johann Nepomuk Steinle 1886 starb, übernahm sein ältester Sohn Johann den Hirsch. Auch von ihm sind Um- und Neubauten bekannt, so ein neuer Keller und ein neues Kühlhaus. Johann Steinle stirbt dann 1910.

Nunmehr übernimmt Hans Steinle den „Hirsch“ — jener Hirschwirt, der den älteren Ehingern noch gut bekannt ist. In seiner Zeit wurde der „Hirsch“ seit Stadtpfarrer Ströbele zum „Vatikan“. Diese volkstümliche Bezeichnung Vatikan ist darauf zurückzuführen, dass die damals noch zahlreiche Ehinger Geistlichkeit im „Hirsch“ ihren „Dies“ abhielt. „Dies" war eine meist nachmittägliche Zusammenkunft der katholischen Pfarrer, um Angelegenheiten von gemeinsamem Interesse zu besprechen. Neben dem „Dies“ ist für den „Hirsch“ auch ein Stammtisch nachweisbar, zu dem sich Ehinger Honoratioren regelmäßig trafen. So ist im „Hirsch“ des Hans Steinle wohl manche für Ehingen bedeutsame weltliche und auch geistliche Angelegenheit diskutiert und vielleicht auch beschlossen worden.

Hans Steinle ist am 22. Mai 1964 gestorben. Mit ihm ging eine fast hundertjährige Gastwirtsgeschichte der Familie Steinle auf dem „Goldenen Hirsch“ zu Ende. Er hinterließ neben seiner Ehefrau zwei Töchter. Letztere hatten eine andere, nicht mit der Fortführung des „Hirsch“ verbundene Lebensplanung. Die Ehefrau konnte aus Alters- und vor allem auch aus Krankheitsgründen die Gastwirtschaft nicht allein weiterführen. So wurde das traditionsreiche Haus im April 1966 endgültig geschlossen und zum Verkauf ausgeschrieben. Käufer war der Ehinger Elektromeister und Radiotechniker Elmar Pfeifer, der um diese Zeit in Ehingen bereits ein Radio- und Elektrogeschäft betrieb, zuerst in der Unteren Hauptstraße im späteren Schuhgeschäft Linsenbolz, später dann in der Oberen Hauptstraße an der Stelle, an der bis vor kurzer Zeit das Friseurgeschäft Denkinger beheimatet war und heute eine Eisdiele betrieben wird. 

Gasthaus Hirsch 1930 - Perspektive von Sonnengasse

Der Gasthof „Hirsch“ von der Sonnengasse aus gesehen: Im Hintergrund der Turm von St. Blasius mit der noch nicht umgebauten schiefen Turmspitze

 

Für Elmar Pfeifer war die Lage und Größe des Grundstücks attraktiv, bot es doch die Möglichkeit, in der Mitte der Stadt ein Radio- und Elektrogeschäft mit ausreichenden Verkaufsräumen und vor allem auch mit Kundenparkplätzen zu errichten. Allerdings waren das eigentliche Wirtschaftsgebäude und die meisten Nebengebäude für diesen Zweck ungeeignet. So kam es von Herbst 1967 bis Frühjahr 1968 zu einem weitgehenden Abriss dieser Gebäude. Nur wenige Teile, so der noch von Steinle modernisierte Heizkeller und das ehemalige Hopfenhaus der Brauerei, konnten nach Umbau weiter verwendet werden.

Ab April 1969 entstand an dieser Stelle ein auch vom äußeren Erscheinungsbild her völlig anderes, rein funktionales Geschäftshaus, das im Hauptgebäude großzügige Verkaufsräume für Radio- Fernseh- und Elektrogeräte und in einem Nebentrakt entlang der Sonnengasse eine Filiale der Verkaufskette Joka, später Vögele, beherbergte. 

Das Elektrohaus Pfeifer war nach diesem Umbau sicherlich das bekannteste Ehinger Radio- und Fernsehgeschäft. Doch als sich Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts im Ehinger Großeinkaufszentrum Schleckerland die Filiale einer europaweit agierenden Radio- und Fernsehkette niederließ, musste sich Elmar Pfeifer die Frage stellen, ob sein Geschäft am Lammberg auch in der Zukunft noch eine gute Entwicklung vor sich hatte. Die Abwägung fiel wohl negativ aus. Zu sehr hatten sich die Einkaufsgewohnheiten der Kundschaft geändert.

So fassten Elmar Pfeifer und seine Familie wohl nicht leichten Herzens 1992 den Entschluss, das Elektrogeschäft in der Innenstadt aufzugeben. Pfeifer vermietete die Verkaufsräume am Lammberg an eine internationale Schuh-Verkaufskette, während Vögele noch eine Zeit lang seinen Textilverkauf in den gemieteten Räumen weiter führte, bis auch er in das Schleckerland zog.

Heute ist in den Räumen des einstigen Elektrogeschäfts eine Sportbekleidungskette angesiedelt, und in den ehemaligen Vögele Räumen findet ein Verkauf von Videospielen und Musikkassetten statt. Der erst kürzlich erfolgte Abriss und Neubau des unmittelbar anschließenden ehemaligen Hauses Hohenadel hat das äußere Erscheinungsbild des ganzen Ensembles nochmals verändert. 

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