„Magdalena-Neff-Schule“, dieser Schriftzug am Eingangsbereich der früher in der Schulgasse ansässigen Haus- und Landwirtschaftlichen Berufsschule rief bei jüngeren Einheimischen wie auch bei Auswärtigen immer wieder die Frage auf: „Wer ist oder wer war Magdalena Neff?“
Die Ehinger Apothekerin Magdalena Neff ist am 9. Februar 1881 in Karlsruhe als Frieda Maria Magdalena Meub geboren. Dank fortschrittlich gesinnter Eltern, die in Knielingen bei Karlsruhe eine Bäckerei hatten, und dank dem von Hedwig Kettler, einer Frauenrechtlerin und Pionierin für höhere Mädchenbildung, im Jahr 1888 in Weimar gegründeten Verein „Frauenbildungs-Reform“ konnte sie in das von diesem Verein 1893 in Karlsruhe eröffnete erste Mädchengymnasium in Deutschland sofort nach dessen Gründung als eine der ersten Schülerinnen eintreten. Während ihrer Schulzeit geriet der Trägerverein der Schule in finanzielle und organisatorische Schieflage, das bis dahin private Mädchengymnasium wurde 1897 von der Stadt Karlsruhe übernommen. Magdalena Meub konnte dann 1899 zusammen mit drei weiteren Mitschülerinnen am gymnasialen Zweig der „Höheren Mädchenschule“ mit sehr gutem Erfolg die Reifeprüfung im ersten Abiturjahrgang dieser Schule ablegen. Die Forderung von Hedwig Kettler, „gleiche Bildung für Mann und Frau muss ein naturrechtlich begründetes Menschenrecht sein“, verhalf ihr so wohnortnah zum Abitur.
1899 wurden in den damaligen süddeutschen Ländern, dem Großherzogtum Baden und den Königreichen Württemberg und Bayern, die gesetzlichen Grundlagen zum Universitätsstudium - auch für Frauen - geschaffen. Ab 1904 sollte dies dort möglich sein - im sonst so fortschrittlichen Königreich Preußen erst ab 1908. Für die einzelnen Disziplinen wurden Ausbildungs- und Lehrpläne festgelegt. So waren z. B. für das Pharmaziestudium Abitur, eine zweijährige Lehre und daran anschließend drei Praxisjahre als Apothekengehilfe Voraussetzung. Der fortschrittliche Apotheker Krauß aus Elzach im Schwarzwald richtete 1899 an das Karlsruher Mädchengymnasium die Anfrage, ob eine der nun ersten Abiturientinnen den Apothekerberuf ergreifen und in seiner Apotheke eine Lehrstelle antreten wolle. Magdalena Meub konnte nun ihren Berufswunsch verwirklichen und wurde erster weiblicher Apothekerlehrling in Deutschland. Nach der Gehilfenprüfung arbeitete sie in Apotheken in Lichtental bei Baden-Baden, Karlsruhe und Kehl. Aus ihrer Lehr- und Gehilfenzeit liegt ein ausführlicher Briefwechsel mit Berufskolleginnen vor, die nach 1899 ihre Lehre angetreten haben und in dem neben Frauen- und Standesfragen u. a. die Nöte der Frauen im Apothekerberuf, aber auch die Sorgen der männlichen Kollegen wegen der weiblichen Konkurrenz geschildert werden: schwierige Arbeitsbedingungen, Arbeitgeberversuche betreffend Reinigungs-, Wasch- und Haushaltsarbeiten nach Dienstende, Befürchtungen der Kollegen, die Löhne würden auf das Niveau der damals üblichen Minderbezahlungen weiblicher Arbeitskräfte herabgewürdigt.
1904 begann Magdalena Meub ihr Pharmaziestudium als erste Studentin an der Technischen Hochschule Karlsruhe, ja als erste Studentin an einer deutschen Technischen Hochschule, wo im Gegensatz zu den älteren Universitäten überwiegend technische Fächer - bisherige Männerdomänen -gelehrt wurden. Sie war erste Pharmaziestudentin in Deutschland und nach mit Auszeichnung bestandenem Examen im Jahr 1906 die erste approbierte Apothekerin Deutschlands.
Im gleichen Jahr heiratete sie ihren Studienkollegen Apotheker Adolf Neff (1878-1961), einen Arztsohn aus Langenbrücken bei Bruchsal und erwarb mit ihm eine der beiden Ehinger Apotheken, die 1751 in der Vorstadt gegründete und seit 1762 im bisherigen Gasthaus zum Löwen eingerichtete „Löwenapotheke“ oder „Untere Apotheke“. So hatte Ehingen mit den beiden approbierten (nach der Apothekerordnung zugelassenen - oder juristisch ausgedrückt „bestallten“) Apothekern Magdalena und Adolf Neff das erste Apothekerehepaar Deutschlands.
1907 wurde die Tochter Hildegard geboren, die spätere Ärztin Dr. med. Hildegard Rombach.
Im Onlinelexikon Wikipedia wird im Jahr 2014 der Begriff „Apotheke“ so definiert: „Als Apotheke wird heute ein Ort bezeichnet, an dem Arzneimittel und Medizinprodukte abgegeben, geprüft und - zum kleinen Teil - hergestellt werden. Zudem ist es eine Hauptaufgabe des Apothekers und des übrigen Apothekenpersonals, den Patienten zu beraten, ihn über Nebenwirkungen aufzuklären und mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten aufzudecken. Zusätzlich zu der Abgabe von Arzneimitteln verkaufen Apotheken auch „apothekenübliche Artikel“ wie Nahrungsergänzungsmittel, kosmetische Erzeugnisse und weitere Waren mit gesundheitsförderndem Bezug.“ Doch wie war dies zu den Anfangszeiten von Magdalena und Adolf Neff in Ehingen? Ab Ende des 19. /Anfang des 20. Jahrhunderts begann die Ära der industriellen Pharmaunternehmen, die in größerem Umfang Medikamente herstellten und auf den Markt brachten; hervorgegangen waren sie zu einem nicht unbeträchtlichen Anteil aus der Teerfarbenindustrie, z. B. aus dem nach dem 2. Weltkrieg zerschlagenen IG-FarbenKonzern. Viele Arzneimittelwerke sind auch aus Apotheken oder Pharmalieferfirmen hervorgegangen oder wurden von jungen Apothekern direkt als Fabrikationsstätten gegründet. Im Jahre 1928 entdeckte der schottische Bakteriologe Alexander Fleming das die Medizin revolutionierende Penicillin. Der Siegeszug der industriell hergestellten Arzneimittel kam stetig voran. Bis zum Ende der 2oer-Jahre war das Herstellen von Arzneien nach individuellen Rezepten der behandelnden Ärzte (Individualrezepturen) in den Apotheken noch ein erheblicher Faktor, nach dem 2. Weltkrieg ging ihr Anteil stark zurück. Rezeptur- und Laborräume in den örtlichen Apotheken, ausgestattet mit großem Arbeitstisch, verschiedenen Waagen, Messgefäßen aus Glas oder Porzellan, Trichtern, großen und kleinen Schalen aus Steingut, Porzellan oder Email, Mischgefäßen aus Glas („Maulaffen“), Mörsern, Kannen, Korbflaschen für Vorrats-mengen, Standgefäßen für Vorratshaltungen und vielen Regalen verloren immer mehr ihre ursprüngliche Bedeutung als Herstellungsort für Arzneien und Heilmittel. - Damit ging allerdings bei der Bevölkerung auch der Eindruck des „Geheimnisvollen“ am Apothekerberuf verloren.
Die Tätigkeit des Ehepaares Neff in Ehingen fiel in die Umbruchzeit im Apothekerberuf. Dazu kam im 1. Weltkrieg die Einberufung von Adolf Neff zum Militär: Magdalena Neff musste die Apotheke allein führen, Arzneien herstellen, verkaufen und vor allem die Kunden beraten, über die Wirkungen der Arzneimittel aufklären und - falls vom Arzt nicht vermerkt - über die korrekte Anwendung der Arzneimittel informieren. Oft war sie von 7 bis 22 Uhr mit Apotheker- und dazugehörenden Buchführungsarbeiten beschäftigt. Dazu kam wie selbstverständlich noch der Haushalt sowie die Erziehung und Betreuung ihrer Tochter Hildegard. Eine immense Leistung dieser Frau, die sie mit vielen Soldatenfrauen und Witwen verband. Auch nach Kriegsende war sie neben ihrem Mann voll in der Apotheke tätig, ihre Beratung war bei der Ehinger Bevölkerung gefragt - sie war die „Seele des Betriebs“. Die dem Krieg folgende Inflation (bis 1923 ) und die Weltwirtschaftskrise ( 1928-1930 ) mussten auch bei Neffs im Geschäfts- wie im Privatleben bewältigt werden. Diese großen Arbeitsbelastungen waren wohl auch Grund dafür, dass sich Magdalena Neff nicht mehr wie zu ihren beruflichen Anfangszeiten standes-politisch engagieren konnte; die Zeiten ihrer Tätigkeit als Mitinitiatorin der „Rundbriefaktion angehender Apothekerinnen“ und bei dem daraus hervor- gegangenen „Bund deutscher Pharmazeutinnen“ waren für sie vorbei. Magdalena Neff leitete zusammen mit ihrem Mann die Ehinger Löwenapotheke bis sie diese aus Altersgründen von 1954 bis 1967 verpachteten. Das Ehepaar hatte die Apotheke 48 Jahre lang geführt. Im Jahr 1961 starb Adolf Neff, Magdalena Neff am 19. Juli 1966. Von 1967 führte ihr Enkel Dr. rer. nat. Rüdiger Rombach die Löwenapotheke bis zu deren Schließung im Jahr 2003. Er, seine beiden Schwestern und zwei Urenkel haben den Apothekerberuf ergriffen - die guten Beispiele der Voreltern prägen!
Ehrungen und Würdigungen erfuhr Magdalena Neff immer wieder -noch in jüngster Zeit - in Jubiläumsschriften verschiedener Vereinigungen und Institutionen sowie in Ausstellungen und in vielen pharmazeutischen Fachzeitschriften.