Museumsgesellschaft Ehingen

Museum Ehingen Bilder

„Gold, Silber, Uhren und Brillen von Max Fischer“

- verfasst von Maria und Josef Ries, Johannes Lang    

 

     

Kurz nach dem 2. Weltkrieg gezeichnet                                  Aufnahme vom Mai 2021
- Künstler leider unbekannt -

 

Am Anfang stand die Gründung einer Werkstatt: Clemens Fischer eröffnete sie am 7. Oktober 1875 im Haus des früheren Goldarbeiters „Martini“. „Anfertigung und Reparaturen aller Art“ von Gold- und Silberarbeiten waren der Zweck der Werkstatteröffnung. Im gleichen Jahr war er von Schwendi nach Ehingen gekommen und hatte das Haus am Lammberg, heute Hauptstraße 98, bei der Stadtpfarrkirche erworben.  
  Clemens Fischer hatte sich auf die Herstellung von handgearbeiteten kunstvollen Silberlöffeln, Handgravuren, silbernen Mieder- und Plättlesketten nach damaliger Mode, auf feine Filigranarbeiten bei Anhängern für Uhrketten und Silberknöpfe spezialisiert. Mit seiner schönen Handelsware im Köfferchen in Form eines Bauchladens besuchte er die großen Märkte in der Umgebung, so den Pferdemarkt in Riedlingen und die Krämermärkte in Munderkingen, Laupheim und Biberach. Dabei machte er sich mit seinen Arbeiten einen guten Namen.  
  Seine Frau Auguste - Tochter des Hutmachers Widmann, Vorgänger des Hutmachers Auerbach im späteren Haus Friseur Denkinger in der Oberen Hauptstraße (siehe Aufsatz über „Hutmacher, Putz-macherinnen und Modistinnen“) - war daheim im Geschäft und bei den Kindern.  
  Sohn Max Fischer erlernte ebenfalls das Goldschmiedehandwerk und wurde Optiker- und Uhr-machermeister. Wegen dieser Qualifikation und als bekannt guter Turner hatte er die Inspektion und Reparaturaufträge der Kirchturmuhren in Ehingen und Umgebung übertragen bekommen.  
  Mit Franziska Kneer fand Max Fischer seine Liebe in der Nachbarschaft und heiratete sie 1905. Sie war die Tochter des Metzgermeisters Anton Kneer, der sein Geschäft direkt gegenüber in der Hauptstraße 99, der späteren Metzgerei Paul Götz, betrieb. Franziska wurde seine erste Frau. Nach deren frühem Tod - sie starb bei der Geburt der Tochter Fanny – lernte er seine zweite Frau Magdalena Kroner ebenfalls in der Nachbarschaft kennen. Sie war die Tochter vom Cafe Kroner, dem späteren Cafe Münz, noch späteren Cafe Roßmanith in der Unteren Hauptstraße. Dieses Cafe war damals für seine Spezialitäten bekannt, nämlich rote Zuckerhasen, Printen und Springerle.  
  Mit Magdalena hatte Max Fischer acht Kinder. Das Sonntagsprogramm in dieser großen Familie lautete meist: Kirche - Mittagessen - Wald und „Wirtshäusle“. Oft begegneten sich bei diesen Wanderungen gleichgesinnte Familien, wobei es immer viel Spaß gab und den Erwachsenen wie auch den Kinder nie langweilig wurde.  
  Max Fischer erweiterte das Warensortiment. So verkaufte er als erstes Geschäft in Ehingen „Alpina“-Armbanduhren aus der Schweiz sowie „Zeiss“- Brillengläser aus Jena. Nach einem Umbau der Außenfassade mit rosafarbigem Carrara-Marmor und einer soliden neuen Inneneinrichtung bezeichneten manche Ehinger das Schmuckgeschäft selbst als Ehinger „Schmuckkästchen“.  
  Von seinen insgesamt neun Kindern erlernten drei Söhne wiederum das Uhrmacherhandwerk. Der älteste von diesen, der wieder Max hieß, hatte 1929 in Glashütte in Sachsen in der bis heute berühmten Uhrmacherschule seine Meisterprüfung mit Erfolg abgelegt. Seine Wander- und Erfahrungsjahre führten ihn bis 1939 zu insgesamt sieben Arbeitsplätzen in Amberg, Bad Kissingen, Saarbrücken, Metzingen, München, Eisleben und Berlin. Überall fand er gute Meister. Er war stolz, dass er auch in schwierigen Zeiten keinen Tag arbeitslos war, und so behauptete er, dass das Handwerk einen „goldenen Boden“ habe, und dass die Welt für Handwerker groß sei.  
  Sein Beruf war ihm „heilig“, denn im Krieg verspürte er bei seiner Zughörigkeit zu einem Brückenbau-Bataillon manche Vorteile mit seinem handwerklichen Können. So erzählte er, dass er bei minus 30 Grad Außentemperaturen mit warmen Händen Uhren, Brillen und allerlei andere defekte feinmechanische Geräte mit primitiven Werkzeugen und Ersatzteilen reparieren musste, dies oftmals unter Androhungen durch irgendeinen Vorgesetzten - wehe, die Reparatur wäre ihm nicht gelungen!  
  Während eines kurzen Heimaturlaubes 1942 verlobte sich Max Fischer mit Marianne Kaim, der jüngsten Tochter des Textilhändlers Carl Kaim von Ehingen (siehe Aufsatz „Das Modehaus Kaim“). Sie schickte ihm oft kleine Päckchen mit Näh- und Stopfnadeln sowie Rasierklingen per Feldpost an die Front, die er gut zum Tausch gegen Nahrungsmittel verwenden konnte. Fast verhungert kam Max Fischer aus der Kriegsgefangenschaft in Russland zurück nach Ehingen.  
  Im Januar 1948 fand dann die Hochzeitsfeier im damaligen Cafe Donfried gegenüber dem Kaim’schen Textilgeschäft statt. Im gleichen Jahr übernahm Max Fischer das elterliche Geschäft. Mit seiner jungen Frau Marianne arbeitete er nun daran, neues Vertrauen der Kunden wieder zu gewinnen, da er selber jahrelang in der Fremde war. Sie bekamen drei Kinder, und zusammen brachten sie ihre Tatkraft mit viel persönlichem Einsatz ins Geschäft ein, so dass man sagen kann: Das Geschäft war ihr Wohnzimmer, weil sie sich darin die meiste Zeit aufhielten.  
  Nach der Kriegszeit wurde eine fünfköpfige ostpreußische Familie ins zweite Stockwerk des Hauses einquartiert. Zusammen mit der eigenen später fünfköpfig groß gewordenen Familie und zwei Hausangestellten herrschte daher turbulentes Leben im Haus bis unters Dach. Dieses Leben war trotz Enge interessant und humorvoll, einfach gut.  
  Eines Tages, in den 1960 er Jahren, wurde der Firma eine schöne Überraschung gemeldet. Beim Umbau und der Erneuerung der etwas schrägen Kirchturmspitze der Stadtpfarrkirche entdeckten Bauarbeiter eine versiegelte kleine Holzkiste aus Kriegszeiten. Sie enthielt einen kleinen Silberschatz. Hinterleger der kleinen Holzkiste war Max Fischer senior. Zum Vorschein kamen einige Suppen- und Kaffeelöffel, Silberdraht und Silberbleche, Münzen und Werkzeuge.  
  In dieser Zeit begann mit den ersten Quartz gesteuerten Armbanduhren aus Japan auch eine neue Uhrengeneration. Supergenaue Zeitangaben stellten eine neue spannende Herausforderung dar, für die andersartige Werkzeuge und technische Erneuerungen in die Werkstatt kamen. Dank guter Mitarbeiter konnte Max Fischer 1975 mit dem Motto „Qualität und Fortschritt“ das 100jährige Geschäftsjubiläum feiern. Damals entstanden auch die ersten Ehinger Gold- und Silberdukaten, die nach Max Fischers Angaben und Skizzen für Erinnerungs- und Jubiläumsgeschenke in Pforzheim geprägt wurden.  
  Bis 1980 führte Max Fischer das Jahresberichtsbuch der Ehinger Kaltschmiedezunft. Zu dieser Zunft gehörten die Schlosser, Flaschner, Uhrmacher und Elektriker, die sich einmal im Jahr zur Fronleichnamprozession und zum Jahresessen im Gasthof „Schwert“ trafen. Die Zunfttruhe und der Pokal befinden sich jetzt im Ehinger Museum.  





  Im Museum sind auch etliche Leihgaben von antiken Uhren zu bewundern, die Max Fischer mit Sachverstand sammelte. Als Mitglied der Gesellschaft für Chronometrie und dem Fachkreis „Freunde alter Uhren“ bekam er antike Taschen- und Wanduhren, um Ersatzteile für sie anzufertigen und in seiner Werkstatt zu restaurieren.  
  Max Fischers Schwestern Lene und Irmgard Fischer waren in der gleichen Branche tätig und führten in Ehingen von 1960 bis 1975 im Haus Lindenstraße 64 selbstständig ein Schmuck-, Uhren- und Brillengeschäft.  
  1976 übernahmen Tochter Maria und deren Ehemann Josef Ries das Geschäft, das seither als Fischer-Ries den Ehingern bekannt ist. Josef Ries hat seine Lehre in Karlsbad und die Uhrmacherschule in Glashütte bei Dresden in Sachsen absolviert. Diese Lehrlingszeit endete dort mit Kriegs beginn. 1951 kam er nach Ehingen zu Max Fischer und 1956 bestand er seine Meisterprüfung als Bester in Ulm mit Auszeichnung. Er spezialisierte sich auf die Instandsetzung von Chronographen, Qualitätsschmuck und dessen Bewertung sowie Augenoptik. Später war er als leitender Angestellter bei der Firma Wunder, Uhren-Juwelen-Augenoptik, in Laupheim bis 1976 tätig.  
  Maria Ries erwarb sich ihre Kenntnisse in ihrem Beruf als Fachberaterin für Uhren und Schmuck in renommierten Häusern und bildete sich im Diamantpraktikum und in Zuchtperlenseminaren zur Edelsteinfachfrau weiter.  
  Ihre Hochzeit fand im Jahr der Geschäftsübernahme statt. Dieser Neueröffnung ging eine sechsmonatige Umbauzeit voraus, wobei die Ladenräume von 70 auf 130 qm erweitert wurden. Dabei wurde auch die Werkstatt zeitgemäß umgebaut und mit einem Refraktionsraum für die Augenoptik ausgestattet. Hinter der historischen Fassade, bei der das barocke Steinbild der Madonna auch restauriert wurde, werden die Kunden seither zusammen mit qualifizierten Mitarbeitern nach neuesten Erkenntnissen bedient. So steht am Tresen für die Reparaturannahme die erste selbstgebaute funkgesteuerte Uhr in Ehingen, die von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig gesteuert wird und zur Einregulierung von Quarzuhren dient.  
  Josef Ries ist in vielen Ehinger Vereinen: Skizunft, Liedertafel, TSG. Er ist mit Freude und Begeisterung in seinem Handwerk und als Mitglied der Deutschen Chronometrie Gesellschaft e.V. aktiv. Oft bewerkstelligt er mit „guten“ Händen kompetente Anfertigungen von Ersatzteilen für Uhren spezieller Art und behauptet, sein Beruf sei sein Hobby, das ist immer noch spannend für ihn.
  Eine böse Überraschung mit zunächst nicht absehbaren Folgen erlebte die Familie Anfang Dezember des Jahres 1987 mitten im Weihnachtsgeschäft. Professionelle Einbrecher aus Köln verübten einen schweren Einbruch bei Fischer-Ries, bei dem die wertvollsten Uhren- und Schmuckstücke aus dem Innenraum und den Schaufenstern geraubt wurden. Bis 1999 war Josef Ries im Meister-Prüfungsausschuss für das Uhrmacherhandwerk in Ulm im Einsatz. Die neue Berufsbezeichnung ist „Zeitmess-Techniker“.  
  Im Jahre 2000 wurde mit Freude an das 125jährige Bestehen des Geschäftes bei einer Jubiläumsfeier erinnert. Erfreulich ist aber für die ganze Familie auch der Blick in die Zukunft, denn mit ihren vier Kindern ist die Nachfolge gesichert.  
  Aber bei aller sachlichen Geschäftigkeit mit Uhren bleibt dennoch die Erkenntnis, dass manchmal die Zeit am schönsten ist, wenn man sie vergisst, und dass beim Schmuck - wie einst auch heute - zur Qualität die Wertschätzung und die Liebe dazu gehören.    

Links Max Fischer  - - - - - - - - Rechts in Uniform einer seiner Brüder.

 

Aufnahme vom Mai 2021.....

 

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    „Eugen Krenzler 1856 – 1892“ heißt der überarbeitete Aufsatz von Herrn Hans Peter Seibold.

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    Wir bedanken uns bei Herrn Seibold, dass er uns seinen Aufsatz zur Verfügung gestellt hat.

     

    Weitere Info über die Ausstellung im Linden-Museum finden Sie hier:

    Hier geht es zur Ausstellung im Linden-Museum Stuttgart

     


    Unten geht es zum Aufsatz von Herrn Seibold.

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    Im Archiv finden Sie den Vortrag von Herrn Ulrich Köpf über die Hungersnot im Jahre 1817.

     

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    Schätze im Museum Ehingen

Termine

02.10.21 | Samstag

Fahrt zur Heuneburg und zum Hängegarten in Riedlingen - Neufra

Abfahrt: 13.00 Uhr Betriebshof Bottenschein oder um
13.05 Uhr Lindenhalle Ehingen
Rückkehr: ca. 18.00 Uhr

Fahrtkosten:
Erwachsene: Mitglieder € 28 €, Nichtmitglieder 33€, Schüler 15 €, bzw.18€ (inkl. Busfahrt, Eintritte und Führungen in Heuneburg und Hängegarten Neufra,)